Schulfahrten nach Auschwitz

Wir stehen alle auf den Schultern unserer Vorfahren

von Jür­gen Seitz

WBG Delegation in Auschwitz 2002

WBG Dele­ga­ti­on in Ausch­witz 2002

Wil­ly Brandt Gesamt­schu­le! Ich bin stolz auf die­sen Namen, wirk­lich. Als Wil­ly Brandt 1969 Kanz­ler wur­de, war ich 15 Jah­re alt. Alle in mei­ner Fami­lie waren glück­lich. Einer von uns war Kanz­ler gewor­den, end­lich.

24 Jah­re nach dem Krieg war Deutsch­land näm­lich noch immer ein Land vol­ler Exna­zis. Zwar war der blin­de Glau­be an Hit­ler 1945 zer­bro­chen, aber es gab vie­le Leu­te, die mein­ten, Hit­lers größ­ter Feh­ler sei gewe­sen, den Krieg zu ver­lie­ren. Wir aber waren froh, dass er den Krieg ver­lo­ren hat­te!
Wil­ly Brandt war Wider­stands­kämp­fer gewe­sen. Und er stand als Sozi­al­de­mo­krat auf der Sei­te der „klei­nen Leu­te“. Er war einer von uns. Mit 15 fängt man an, dar­über nach­zu­den­ken, wer man ist, und wer man sein will!
Mit 17 sahen wir im Unter­richt live im Fern­se­her, wie das Miss­trau­ens­vo­tum gegen Brandt im Bun­des­tag schei­ter­te.
Mit 18 durf­te ich zum ers­ten Mal wäh­len. Mei­ne Schwes­ter war 21 und durf­te auch zum ers­ten Mal wäh­len, denn Brandt hat­te das Wahl­recht auf 18 Jah­re vor­ver­legt. Na klar, bei der Jugend hat­te er eine sat­te Mehr­heit. Ich lief mit einem „Wil­ly wählen“-Button her­um, auch in der Schu­le.
Inzwi­schen war Brandt im kal­ten Dezem­ber 1970 in Polen gewe­sen, um end­lich Frie­den zu schlie­ßen. Kei­nen rich­ti­gen Frie­dens­ver­trag, aber die Aner­ken­nung der pol­ni­schen Gren­zen. Am Mahn­mal für die ermor­de­ten Juden von War­schau soll­te er einen Kranz nie­der­le­gen, was Poli­ti­ker so machen. Er aber ging auf die Knie. Eine Ges­te von unglaub­li­cher Wucht.
Zu Hau­se waren nicht alle dafür. Die CDU woll­te die pol­ni­schen Gren­zen nicht aner­ken­nen. Die Neo­na­zis schrie­ben: „Wil­ly Brandt — an die Wand“. Die sel­ben Leu­te, deren Väter Ausch­witz gebaut hat­ten, for­der­ten auf, Brandt zu töten. Deren Söh­ne (und Töch­ter) heu­te Migran­ten ermor­den. Ob es leib­li­che Väter und Söh­ne sind, weiß ich nicht, aber es ist eine geis­ti­ge Ver­wandt­schaft. Übel.
Die­ser Kampf ist nie­mals zu Ende. Jede Genera­ti­on muss erneut dar­über nach­den­ken, wer sie sein will.
In Ausch­witz kann man das tun. Oswie­cim heißt der Ort heu­te. Er liegt in Polen. Aber als Ausch­witz der Ort des größ­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers und des größ­ten Mas­sen­mords der Geschich­te war, da war Ausch­witz deutsch.
Grö­ße allein ist aber kein Argu­ment. Ausch­witz ist ein Sym­bol. Ein Sym­bol für Unmensch­lich­keit.
Ausch­witz ist ein Muse­um. Man kann hin­ein. Man sieht etwas. Man fühlt etwas.
Ohne Krieg kein Ausch­witz. Ohne Hass und Ver­ach­tung kein Krieg. Dage­gen set­zen wir Ach­tung und Ver­stän­di­gung. Beson­ders mit Polen.
Seit dem Jahr 2000 fährt jähr­lich eine frei­wil­li­ge Grup­pe von Schü­le­rin­nen und Schü­lern der WBG nach Ausch­witz. Die Initia­ti­ve ging sei­ner­zeit vom Eltern­ver­tre­ter Wolf­gang Schar­ping aus. In den ers­ten Jah­ren waren Hel­ga Rohe und Ina Frings die Orga­ni­sa­to­rin­nen. Drei­zehn Fahr­ten bis­her. Wir fah­ren nicht nur als Tou­ris­ten; wir neh­men teil an den Gedenk­fei­ern im Janu­ar. Wir las­sen unse­re Blu­men da. Und unse­re Gedan­ken.